Sein WErk und wir

Schütz und wir. Eine klingende Biographie das Sagittarius

VENEDIG, 1609-1612
Italienische Madrigale

Neue Klänge, fremde Gerüche, eine Ahnung von Weite und die Offenheit einer globalisierten Kultur - all das nahm der junge Heinrich Schütz in sich auf, als er Dank eines Stipendiums seines Förderers Landgraf Moritz zu Hessen-Kassel bei Giovanni Gabrieli in Venedig studieren konnte.
Die extrovertieren und emotional ausufernden "Italienischen Madrigale" sind das Ergebnis. Und sie sind das ästhetische Fundament, auf dem all sein späteres Tun aufruht.


Schlagworte:
Madrigal
San Marco
cori spezzati
Venedig
Gabrieli
Fundament

 
 

DRESDEN, 1617-1619
Psalmen Davids

Welche umfassenden Aufgaben als neuer "Chur S. Capellmeistern" auf Schütz in Dresden zukamen, könnte er erstmals im Mai 1617 erfahren, als er den Besuch von Kaiser Matthias in Dresden musikalisch inszenierte. (Die "Cantiones sacrae" von 1625 stehen mit diesem Staatsakt in Beziehung). Und schließlich galt es im Oktober 1617, die Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag der Reformation Martin Luthers auszugestaltet. Dieses Fest war auch eine politische Machtdemonstration am Vorabend des 30-jährigen Krieges. Einige der "Psalmen Davids" von 1619 gründen in diesem Fest.
Und noch etwas gab es zu feiern: 1619 heiratete Schütz die "schöne Wildeckin", Magdalena Wildeck. Als Datum auf dem Titelblatt der "Psalmen Davids" hat er symbolträchtig den Hochzeitstag gewählt.


Schlagworte:
Macht
Politik
Hochzeit
Reformation
Psalmen Davids

 
 

EUROPA, 1636
Kleine geistliche Konzerte I

Der 30-jährige Krieg war eine europäische Bewusstseinszäsur: Der Tod wurde vom individuellen Sterben (ein krönendes Beispiel: Die "Musikalischen Exequien" von 1635/36) zum massenhaften Töten. Und 1636 nahm das Kriegsgeschehen eine wirkmächtige Wendung. In der Schlacht bei Wittstock unterlag trotz besserer Ausgangsposition die verbündete kaiserliche und sächsische Armee den Schweden im Kampf. Die schwedische Kriegspartei kehrte mit diesem Sieg wieder in das Kriegsgeschehen zurück, der Krieg verlängerte sich um weitere zwölf Jahre. Das Geschehen der Schlacht wurde von Zeitzeugen als äußerst schockierend und brutal beschrieben.
Die "Kleinen geistlichen Konzerte I" zollen den Verheerungen des Krieges ihren Tribut: "Sänger, an welchen der größte Mangel ist", klagte Heinrich Schütz und schuf einen Werkzyklus für nur wenige Vokalstimmen und Basso continuo. Leid, Hoffnung und Trost sind die emotionalen Säulen dieser epochalen Werksammlung.


Schlagworte:
Krieg
Leid
Sterben der Künste
Trost
Wittstock
Musikalische Exequien

 
 

DRESDEN, 1650
Symphoniae sacrae III

So etwas hatte man im kriegsgeschundenen Europa gut drei Jahrzehnte nicht gehört. Eine solche klangliche Opulenz, gepaart mit wortgewandtem musikalischem Ausdruck und einer geradezu vehementen Zuversicht war den Menschen in Dresden, Sachsen und Mitteldeutschland seit den "Psalmen Davids" nicht mehr begegnet: Die "Symphoniae sacrae III" sind Dokument einer wiedererblühten Kultur und Summe des Schaffens von Schütz. Zumal er unmittelbar nach dem Erscheinen um Entlassung aus dem Dienst bat. Wie Schütz insgesamt um 1650 den Gedanken des Vermächtnisses vorantrieb, sein Werk ordnete und nach einem Rückzug trachtete.
Auch Johannes Brahms erkannte die "Symphoniae sacrae III" wohl als wegweisenden Werkzyklus, führte er doch Teile daraus in Wien in seinen Sinfoniekonzerten auf - allem voran "Saul, was verfolgst du mich" hatte es Brahms angetan.

Schlagworte:
Vermächtnis
Aufblühen
Brahms
Summe

 
 

DRESDEN, 1656
Zwölf geistliche Gesänge

Wie Schütz möglicherweise konkret seine Schüler unterrichte oder auch den Alltag der Kapellsänger musikalisch gestaltete, können wir in den "Zwölf geistlichen Gesängen" entdecken. Die Werke sind "in den Nebenstunden aufgesetzt" und dienten zu Kontrapunktstudien, zur Diskussion von Vertonungsfragen und ähnlichem. Oder sie begleiteten markante Momente des Tages, wie das "Benedicite vor dem Essen" oder das "Deo gratias nach dem Essen" belegen. Noch heute werden im Alumnat des Dresdner Kreuzchores diese Gesänge zu Mahlzeiten angestimmt oder schallen über so manchen Esstisch in den Wohnungen und Häusern Mitteldeutschlands.

Schlagworte: Gebrauchsmusik
Schüler
Erbe
Essen
Alltag

 
 

WEISSENFELS, 1666
Die Passionen

Zwischen den mehrchörigen "Symphoniae sacrae" und den späten drei Passionen liegt ein Prozess des Verabschiedens: Schütz zieht sich aus Dresden zurück und bildet mit seiner ebenfalls betagten Schwester eine Wohngemeinschaft in Weißenfels. Er klagt über gesundheitliche Probleme und vertieft sich ins Bibelstudium. Und auch musikalisch bedeutet sein Alterswerk eine Verinnerlichung und Reduktion der Mittel. Dies führt aber gerade zu einer Intensivierung des Ausdrucks: Das einzelne Wort, ein einzelnes Intervall oder ein knapp formuliertes musikalisches Bild werden in den Passionen nach Lukas, Johannes und Matthäus (und auch dem "Schwanengesang") zu bemerkenswerten Ereignissen. Heinrich Schütz kreiert eine äußerliche Kargheit, hinter der emotionale und spirituelle Fülle lauert. Ästhetisch weist er damit über Barock, Klassik und Romantik hinaus in die Moderne, wo der späte Franz Liszt und dann auch John Cage oder Morton Feldman den einzelnen Ton in einer Ästhetik der Reduktion befreien werden.


Schlagworte:
Reduktion
Passion
Alter
Spätwerk
Moderne